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Robert Woelfl

Mann und Frau in der Hundestellung

Ich stieg vom Berg ab, und der Abstieg nahm kein Ende. Ich stieg immer weiter hinunter, aber es kamen keine sanften Hügel und keine Täler.

M Die dreißigjährige Frau mit den kurz geschnittenen Haaren rennt, die beiden Einkaufstaschen in der Hand, mit dem Kopf in ein Schaufenster. An diesem Einkaufssamstag. Mittagszeit. Während die Sonne durch die Wolken bricht. Während ganz in der Nähe ein Eisverkäufer seinen Stand aufgebaut hat. Sie nimmt Anlauf, genauso wie man Anlauf für einen Weitsprung nimmt, und rennt mit ihrem Kopf in die Scheibe. In das Schaufenster des Drogeriemarktes. Eigentlich hätte sie noch eine Reihe von Einkäufen zu erledigen gehabt. Dies und das. Kleinigkeiten nur. Eigentlich hätte sie sich danach mit ihrem Freund in einem Café gleich in der Nähe verabredet gehabt. Eigentlich hätte sie ein dichtes Programm gehabt, ihr übliches Einkaufssamstagsprogramm. Jetzt wären die Einkäufe schon alle erledigt, die Punkte auf der Liste abgehakt. Ruhe für einige Zeit hätte sie jetzt und die Genugtuung, alles geschafft zu haben. Das ist doch alles nicht so schwer. Diese Frau, diese sympathische und erfolgreiche Frau wird geliebt. Sie wird von allen geliebt. Was wünscht sie sich denn noch? Mehr kann man wirklich nicht für sie tun. Ich glaube, wir haben jetzt genug für sie getan.

B Der Mann mit der altmodischen braunen Aktentasche bleibt in der Nähe des Springbrunnens, mitten auf diesem schönen, von Cafés gesäumten Innenstadtplatz, mitten unter den zahlreichen Passanten, die um diese Zeit über den Platz eilen, stehen, stellt seine Tasche auf den Boden und geht in die Hocke. Dabei öffnet er seine Hose, streift sie bis zu den Knöcheln hinunter und fängt an zu scheißen. Er lässt sich unendlich viel Zeit. Hier, vor dem Flussgott oder Springbrunnengott, im Herzen der Stadt. Auf diesem Platz dürfen nicht einmal die Hunde scheißen. Wer das sehen will, der kann es jetzt gut sehen. Wer so etwas noch nicht gesehen hat, hat jetzt die Gelegenheit dazu. Jeder, der nicht dringend zu einem nächsten Termin muss, jeder, der etwas Zeit erübrigen kann, der sollte stehen bleiben. Keine Ahnung, wie lange das dauern wird. Der Mann lässt sich nicht beirren. Es dauert eben so lange, wie es dauert. Der Mann ist weder jung noch alt, weder dunkelhaarig noch blond. Er war auf dem Weg zur U-Bahn, auf dem Weg in sein Büro. Er hat einen Job und er hat einen guten Job. Er arbeitet schon seit mehr als zehn Jahren dort. Er ist verlässlich. Er ist verheiratet. Er hat zwei Töchter. Sein Vater und seine Mutter leben noch. Nicht in der Stadt, auf dem Land, vier Stunden mit dem Zug. Er fährt zweimal im Jahr zu ihnen auf Besuch. Der Mann mit der altmodischen braunen Aktentasche wird sehr lange in der Hocke bleiben und scheißen, er hat sich gut auf diesen Tag vorbereitet.

R Um ihn herum stehen zahlreiche Passanten.

L Kein Problem. Diese Passanten sind absolut tolerant.

A Diese Passanten haben ja alles mindestens schon einmal gesehen.

S Die Gemeinschaft steht um ein Mitglied der Gemeinschaft herum.

M Und die Gemeinschaft betrachtet neugierig dieses Mitglied der Gemeinschaft.

B Irgendetwas stimmt nicht.

L Oder stimmt es doch?

R Es stimmt nicht so, wie es sollte.

A Was soll daran nicht stimmen?

M Ja. Was soll mit diesem Mitglied nicht stimmen?

S Da steht jetzt die Gemeinschaft und in ihrer Mitte ein Mitglied.

B Da steht die Gemeinschaft und der Mund steht ihr offen.

L Ist doch nichts Besonderes.

A Ist doch nichts zum Fürchten. Ich fürchte mich jedenfalls nicht.

M Die Gemeinschaft betrachtet das außerirdische Mitglied.

R Sie wird das Außerirdische wieder irdisch machen.

S Irgendwie.

L Die Gemeinschaft weiß einen Weg. Die Gemeinschaft weiß ja immer einen Weg. Man braucht sie nur nach dem Weg zu fragen. Aber wohin führt denn dieser Scheißweg? Ich gehe jetzt schon eine lange Zeit auf diesem Weg und es sieht so aus, als würde dieser Weg nirgendwohin führen.

B Die Gemeinschaft ist Vater und Mutter und Tochter und Sohn.

A Sie ist das Bett und der Schlaf, die Wiese und das Gras.

R Aber irgendetwas stimmt nicht.

L Irgendetwas stimmt überhaupt nicht.

S Aus der Gemeinschaft kommt keiner raus.

M Ein Mitglied der Gemeinschaft kann die Gemeinschaft nicht verlassen.

B Aus diesem Kriegsgefangenenlager entkommt keiner.

S Ein Mitglied der Gemeinschaft wird immer ein Mitglied der Gemeinschaft bleiben.

A Die Meereswelle kann das Meer nicht verlassen und der Windhauch kann den Wind nicht verlassen.

L Was will denn dieses Mitglied?

R Was hat dieses Mitglied überhaupt vor?

M Was soll das?

B Was kostet das?

A Was bringt uns das?

S Die Gemeinschaft ist auf jeden zugeschnitten. Die Gemeinschaft passt auf den Millimeter genau.

L Ich weiß nicht, was dieses Mitglied will und was es vorhat.

R Dauernd wollen wir etwas und haben etwas vor.

A Das müssten wir auch einmal ablegen.

B Vielleicht hat dieses Mitglied kein warmes Abendessen bekommen.

M Oder keinen Gutenachtkuss.

L Keinen Teddybär ins Bett.

S Keinen Plastiksack über den Kopf.

R Mit bestimmten Mitgliedern gibt es dauernd nur Schwierigkeiten.

A Dieser bestimmte Prozentsatz.

B Dieser bestimmte geringe Prozentsatz.

M Warum macht denn dieser bestimmte geringe Prozentsatz uns schon wieder einmal Schwierigkeiten?

(Auszug)

[kolik 25]